„Das ist mein Krankenhaus.“
Patientinnen und Patienten werden Andreas Reiher vermutlich nie bewusst begegnen. Und doch hat seine Arbeit Einfluss auf jeden einzelnen Tag in den Zeisigwaldkliniken Bethanien Chemnitz. Seit 20 Jahren sorgt er als Elektriker mit dafür, dass die technische Infrastruktur zuverlässig funktioniert. Eine Aufgabe, die oft unsichtbar bleibt bis zu dem Moment, in dem etwas nicht mehr läuft. Genau dann ist Andreas gefragt.
Im Hintergrund für die Patientenversorgung unverzichtbar
Andreas sorgt dafür, dass im Hintergrund alles läuft. Wer bei einem Elektriker nur an Kabel und Steckdosen denkt, unterschätzt seinen Arbeitsalltag deutlich. Im Krankenhaus gehören vor allem die elektrische Energieversorgung, Schalt- und Verteileranlagen, Beleuchtungssysteme, Notstromversorgung, Rufanlagen sowie sicherheitsrelevante Systeme wie Türen, Aufzüge und Überwachungstechnik zu seinem Verantwortungsbereich. Auch Störungen im laufenden Betrieb fallen in sein Aufgabengebiet und müssen häufig kurzfristig behoben werden.
Die meisten Menschen nehmen diese Technik im Krankenhausalltag kaum wahr. Doch genau sie schafft die Voraussetzungen dafür, dass unsere Kolleginnen und Kollegen im Ärztlichen Dienst, in der Pflege, Therapie, Service, Sozialdienst und Verwaltung ihre Arbeit zuverlässig leisten können.
Mit einem Satz bringt Andreas die Aufgabe seiner Kollegen und von ihm auf den Punkt: „Wir in der Technik sind nicht unmittelbar am Patienten. Aber wir schaffen die Voraussetzungen dafür, dass Versorgung überhaupt möglich ist.“
Seit 20 Jahren arbeitet Andreas nun bei uns als Elektriker in der MSG Management- und Servicegesellschaft für soziale Einrichtungen mbH für die Zeisigwaldkliniken Bethanien Chemnitz. Vor Kurzem hat er seinen 60. Geburtstag gefeiert. An Ruhestand denkt er deshalb noch lange nicht. Denn er erzählte uns mit einem Lächeln. „Ich gehe nach wie vor gern auf Arbeit.“
Das ist mein Krankenhaus. Für mich ist es kein großer Unterschied, ob ich zu Hause etwas repariere oder hier.
Den Beruf von Grund auf gelernt
Sein Weg begann in einer Zeit, in der vieles anders war. 1982 beendete Andreas erfolgreich die Schule. Trotz hervorragender schulischer Leistungen erhielt er damals keinen Platz an der Erweiterten Oberschule. Stattdessen bot sich ihm eine seltene Chance: eine Ausbildung im privaten Handwerk. In der damaligen Karl-Marx-Stadt gab es nur wenige Ausbildungsplätze für Elektriker.
„Ich habe den Beruf von Grund auf im privaten Handwerk gelernt.“ Andreas absolvierte auch seinen Meister und plante sogar, eines Tages den Betrieb seines Chefs zu übernehmen. Nach der Wende kamen neue Technologien und neue Möglichkeiten hinzu. Die ersten Jahre verliefen vielversprechend, doch mit der Zeit wurde die wirtschaftliche Situation schwieriger.
„Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich eigentlich gar keine Firma leiten möchte.“
Stattdessen wechselte er in einen größeren Betrieb und arbeitete drei Jahre lang als bauleitender Monteur in der Automobilindustrie im Raum Stuttgart. Als das Unternehmen schließlich insolvent ging, stand Andreas erneut vor einer wichtigen Entscheidung.
Eine Chance, für die er bis heute dankbar ist
Für seine Familie und sein ehrenamtliches Engagement vor Ort wollte Andreas nicht dauerhaft auf Montage bleiben. „Ich wollte etwas finden, bei dem ich hierbleiben kann.“
Nach verschiedenen Weiterbildungen erhielt er 2006 die Anfrage, ob er sich vorstellen könne, bei uns im Krankenhaus zu arbeiten. „Ich war damals sehr dankbar, dass ich hier anfangen konnte. Für mich war das wie ein Wunder.“
Die Krankenhauswelt war zunächst Neuland. „Es war ziemlich neu alles für mich. Vorher hatte ich nur ein Jahr in einem Krankenhaus gearbeitet.“
Damals befanden sich viele Bereiche des Krankenhauses in einer Phase der Modernisierung und Weiterentwicklung. Neue technische Systeme wurden aufgebaut, intensivmedizinische Bereiche und Operationssäle modernisiert und zahlreiche Anlagen erneuert.
„Es war eine schöne Zeit. Es ging voran. Viele alte Anlagen wurden Schritt für Schritt ersetzt und wir haben moderne Technik bekommen. Natürlich mussten wir uns auch erst hineinfuchsen, aber genau das hat Spaß gemacht.“
Unsichtbar, aber unverzichtbar
Wer Andreas nach seinem Arbeitsplatz fragt, bekommt keine einfache Antwort. Denn eigentlich ist das gesamte Krankenhaus sein Arbeitsplatz. Patientinnen und Patienten sowie Mitarbeitende bemerken die Arbeit des Technikteams meist erst dann, wenn etwas nicht funktioniert.
Ob Schaltanlagen, elektrische Energieversorgung, Notstromsysteme, Aufzüge oder sicherheitsrelevante elektrische Anlagen – überall dort, wo Strom fließt und die Versorgung zuverlässig funktionieren muss, ist Andreas als Elektriker gefragt.
Die technische Entwicklung hat sich in den vergangenen Jahren deutlich beschleunigt. „Früher konnte man bei einer Rufanlage noch jeden Taster nachvollziehen. Heute ist vieles Elektronik, Software und Update-Management.“
Dadurch entstehen immer mehr Schnittstellen zu anderen Fachbereichen insbesondere zur IT. „Wenn Systeme nicht miteinander kommunizieren, wird es kompliziert. Deshalb arbeiten wir sehr eng mit der IT zusammen.“
Nach zwei Jahrzehnten kennt Andreas das Krankenhaus in- und auswendig. Durch diese lange Zeit weiß er ziemlich genau, wo die Schwachstellen liegen und was als Nächstes kommen könnte. Dabei geht es nicht darum, alles sofort neu zu machen. Vielmehr braucht es Erfahrung, Fachwissen und gute Planung, um bestehende Anlagen zuverlässig zu betreiben und die richtigen Prioritäten für zukünftige Investitionen zu setzen.
„Als DDR-Bürger ist man es gewohnt zu improvisieren und Lösungen zu finden. Daraus kann man heute noch viel mitnehmen.“
Kein Tag wie der andere
Einen typischen Arbeitstag gibt es für Andreas eigentlich nicht. Morgens startet er zunächst seinen Rechner, prüft E-Mails und öffnet das Auftragsprogramm NOVA. „Dann sehe ich, wo ich sofort hinmuss.“
Mal funktioniert eine Beleuchtung nicht, mal ist eine Steckdose defekt oder eine Sicherung hat ausgelöst. Daneben stehen Wartungen, Prüfungen und geplante Aufgaben auf dem Programm.
Besonders eilig wird es bei Störungen in sensiblen Bereichen. „Wenn aus dem OP eine Meldung kommt, hat das natürlich höchste Priorität.“
Auch Aufzüge gehören regelmäßig zu seinen Aufgaben. Zuweilen geht es dabei sogar um Personenbefreiungen oder technische Störungen an Türen und Zugangssystemen.
Und manchmal entstehen Situationen, die man in keinem Lehrbuch findet: „Gestern Abend klingelte das Bereitschaftstelefon. Die Kolleginnen konnten nicht nach Hause gehen, weil die Tür zur Umkleide nicht mehr aufging. Da muss der Elektriker eben auch versuchen, ein Schloss wieder aufzubekommen.“
Teamarbeit macht den Unterschied
Für Andreas steht fest: Gute Technik funktioniert nur mit guter Zusammenarbeit. „Das Miteinander mit der Pflege, mit den Ärzten, mit der IT, im Grunde mit allen Berufsgruppen im Haus und selbstverständlich im eigenen Team hier bei uns ist extrem wichtig.“ betont Andreas, denn Probleme werden selten allein gelöst. „Wichtig ist, dass man Herausforderungen gemeinsam anpackt.“
Zum technischen Team gehören der technische Leiter und seine Stellvertretung, zwei Elektriker, drei Anlagentechniker, ein Schlosser, ein Allrounder für Maurer- und Trockenbauarbeiten sowie zwei Gärtner, die erst kürzlich neu im Haus begonnen haben und das Krankenhausgelände betreuen. „Die beiden machen das mit viel Herzblut. Deshalb gibt es heute sogar wieder Blühwiesen auf dem Gelände.“
Aktuell gibt es für Andreas und seinen Elektriker-Kollegen viel zu tun. „Zu zweit ist es manchmal schon ganz schön eng.“ Neben dem Tagesgeschäft übernehmen beide außerdem regelmäßig Bereitschaftsdienste. Gemeinsam mit einer externen Elektrofirma teilen sie sich die Rufbereitschaft, sodass Andreas etwa alle drei Wochen im Bereitschaftseinsatz ist.
Ordnung bis unter die Decke
Wer Andreas in seinem Arbeitsbereich besucht, merkt schnell, wie wichtig ihm Struktur ist. Regale voller Ersatzteile, beschriftete Boxen und sauber sortierte Kleinteile prägen das Bild. Alles hat seinen festen Platz. „Ordnung ist mir wichtig.“ Dabei muss er selbst schmunzeln.
Viele Ersatzteile müssen jederzeit verfügbar sein, damit Störungen schnell behoben werden können. Andere Komponenten werden geplant beschafft und für kommende Projekte vorbereitet.
Mit dem Fahrrad zur Arbeit und mit Haltung durchs Leben
Andreas wohnt nicht weit entfernt. Rund zehn Minuten braucht er mit dem Fahrrad bis ins Krankenhaus. Im Haus kennt man ihn deshalb nicht nur als Elektriker, sondern auch als begeisterten Radfahrer. Dank Gleitzeit kann er zwischen 6 und 9 Uhr mit seiner Arbeit beginnen. Als Frühaufsteher nutzt er meist den frühen Dienstbeginn.
Wer mit Andreas spricht, merkt schnell, dass ihn mehr antreibt als Technik. „Ich möchte Menschen ermutigen und motivieren, egal ob jung oder alt.“ Auch außerhalb der Arbeit engagiert er sich. In seiner Kirchengemeinde organisiert er gemeinsam mit anderen einen Besuchsdienst und singt im Chor.
Seine Familie spielt ebenfalls eine große Rolle. Gemeinsam mit seiner Frau bewirtschaftet er zwei Gärten. „Dadurch können wir viel anbauen und auch andere Menschen einladen.“
Die Offenheit für andere Menschen zieht sich durch sein ganzes Leben. Kolleginnen und Kollegen beschreiben ihn deshalb oft mit einem Satz: „Andreas sieht alles positiv.“
Woher er diese Haltung nimmt, wird schnell klar. „Mein Glaube ist eine wichtige Kraftquelle für mich. Er gibt mir Orientierung, Zuversicht und Motivation im Alltag genauso wie bei der Arbeit.“
Vielleicht erklärt genau das, warum er auch nach mehr als vier Jahrzehnten im Berufsleben noch immer mit Freude zur Arbeit kommt. An den Ruhestand denkt er deshalb noch nicht. „So Gott will, bin ich noch ein paar Jahre hier.“ Bis zum offiziellen Renteneintritt ist noch Zeit. Und selbst darüber hinaus könnte er sich vorstellen, dem Krankenhaus vielleicht mit einigen Stunden pro Woche verbunden zu bleiben.
Denn eines ist für Andreas bis heute unverändert geblieben: Er arbeitet nicht einfach in einem Krankenhaus. Es ist sein Krankenhaus.
(Das Interview wurde im Juni 2026 durchgeführt.)