Wo Zeit das Wichtigste ist

Im Gespräch mit Pflegedienstleiter André im Anhalt-Hospiz Zerbst.

Schon beim Eintreten ins Anhalt-Hospiz Zerbst wird klar: Hier herrscht eine besondere Atmosphäre. Ruhe, Freundlichkeit und ein wertschätzendes Miteinander prägen den Start des Besuchs.

Pflegedienstleiter André heißt mich persönlich an der Tür willkommen – herzlich, offen, ganz selbstverständlich. Ich werde als Mitarbeiterin der Unternehmenskommunikation zum gemeinsamen Frühstück eingeladen und komme direkt mit den diensthabenden Pflegefachkräften ins Gespräch. Man spürt sofort: Hier ist Teamarbeit keine Floskel, sondern gelebter Alltag.

Andre ist sehr bedacht, dass im Hospiz eine gemütliche Atmosphäre herrscht, so sind ihm frische Blumen z. B. sehr wichtig.

Vom Tierpflegertraum zur Berufung in der Pflege

Ursprünglich wollte André einmal Tierpfleger werden. Der Weg in die Pflege ergab sich eher zufällig.
2012 begann er seine Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger in einem Krankenhaus. Schnell merkte er jedoch, dass die damaligen Rahmenbedingungen nicht mit seinem eigenen Anspruch an gute Pflege zusammenpassten.

„Ich wollte die Patienten nicht nur kurz versorgen – rein ins Zimmer, raus aus dem Zimmer. Ich wollte mich wirklich kümmern, da sein, begleiten.“ Am Ende der Ausbildung war er sich zunächst sicher: Das ist nicht der richtige Beruf für ihn.

Doch dann kam der entscheidende Einsatz im Hospiz während seiner letzten Ausbildungsphase. „Dort habe ich gemerkt, dass ich mit wenigen, einfachen Dingen unglaublich viel erreichen kann, dass ich Menschen wirklich begleiten darf.“
Diese Erfahrung sollte seinen beruflichen Weg entscheidend prägen.

Prägende Jahre im Kinderhospiz und Studium

Nach dem Abschluss seiner Ausbildung wechselte André direkt in ein Kinderhospiz in Magdeburg, seinem damaligen Wohnort, und arbeitete dort fünf Jahre. „Das war eine sehr prägende, intensive, aber auch sehr schöne Zeit. Ich habe damals viel mit den Gästen gelacht.“ Die Arbeit berührte ihn, doch er spürte auch, dass er sich weiterentwickeln, Verantwortung übernehmen und gestalten möchte. Deshalb begann André berufsbegleitend das Studium „Care Business Management“ an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Um parallel bereits Führungserfahrung zu sammeln, wechselte er an das Universitätsklinikum Magdeburg, wo er vier Jahre lang den pflegerischen Bereich des Instituts für Transfusionsmedizin leitete. „Das war wieder eine ganz andere Welt: viele Maschinen, hochspannende Themen wie Stammzellenentnahmen.“

Der Weg nach Zerbst und zurück zur Hospizarbeit

Der Familie wegen zog André 2023 in die Nähe von Zerbst. Die Hospizarbeit hatte ihn in all den Jahren jedoch nie losgelassen. Als er schließlich die Stellenausschreibung des Anhalt-Hospizes Zerbst entdeckte, bewarb er sich und ist seit Oktober 2024 als Pflegedienstleiter Teil des Teams. Aus den anfänglichen Herausforderungen ist ein starkes, engagiertes Kernteam geworden, das gemeinsam an einem Strang zieht. Seit März dieses Jahres unterstützt ihn zudem eine neue Stellvertretung.

Das Gefühl von Sicherheit ist für ihn selbst, aber auch für die Gäste, enorm wichtig.

Ich kann mich voll und ganz auf mein Team verlassen. Wenn ich frei habe, weiß ich, dass hier alles gut weiterläuft.

Hospizarbeit braucht Herz und Unterstützung

Ein großes Anliegen ist André auch die Öffentlichkeitsarbeit sowie die Zusammenarbeit mit dem Förderkreis. „Hospize sind auf Spenden angewiesen. Die Krankenkassen tragen etwa 95 Prozent der Kosten, den Rest müssen wir selbst aufbringen.“ Diese Tatsache spricht er offen in Bewerbungsgesprächen an. Gleichzeitig ist er stolz auf das Engagement seines Teams. Manchmal müsse er seine Mitarbeitenden sogar bremsen, weil sie so viele Ideen einbringen und sich mit ganzem Herzen engagieren. Ein besonderes Highlight in diesem Jahr war ein Volleyballturnier zugunsten des Hospizes, eine großartige Veranstaltung mit enormer Wirkung.

Begleiten, Beraten und Dasein

Warum André heute genau hier ist, erklärt er mit Nachdruck: „Es ist das Gesamtpaket: Begleiten, beraten und Menschen in ihren Krisen- und Ausnahmesituationen unterstützen, wenn der Boden unter den Füßen wegbricht. Als verlässlicher Partner an der Seite stehen zu können, ist ein unglaublich gutes Gefühl.“

Ein Moment aus dem vergangenen November ist ihm besonders in Erinnerung geblieben: Ein Gast wünschte sich sehnlichst, noch einmal ein Weihnachtskonzert in Dessau besuchen zu können, doch die Veranstaltung war ausverkauft. André ließ nicht locker, telefonierte sich bis zum Intendanten durch und bekam zwei Karten. „Der Gast hat so gestrahlt vor Freude. Das sind genau die Momente, die meine Arbeit so wertvoll machen.“

„Wir schenken Zeit, den Gästen genauso wie den Angehörigen. Wir kümmern uns um alles ringsum, erfüllen Wünsche, trösten.“

Kraft tanken zwischen Natur, Familie und Team

Die Arbeit im Hospiz ist emotional fordernd. Ausgleich findet André in der Natur mit seinen Hunden. Er hat außerdem einen stabilen Familien- und Freundeskreis, der ihm Rückhalt gibt. Doch auch sein Team spielt eine zentrale Rolle: „Ich weiß, dass ich hier nicht allein bin. Wir stehen füreinander ein. Diese Atmosphäre trägt uns – und davon profitieren letztlich auch unsere Gäste.“

Rituale, die tragen und verbinden

Wichtige Termine im Jahreslauf haben für André eine besondere Bedeutung. Im Januar findet das Jahresgedenken statt, ein Moment des bewussten Abschieds durch die Angehörigen und des gesamten Teams. Die Angehörigen erhalten eine individuell gestaltete Baumscheibe zum Andenken an ihren verstorbenen Familienangehörigen. Durch die Jahreszeiten und traditionelle Gepflogenheiten werden die Aktivitäten im Hospizalltag bereichert. Ein nächstes anstehendes Event ist z.B. das Weihnachtsbaum-Verbrennen bei Glühwein auf der Terrasse, gemeinsam mit Gästen, Angehörigen und Mitarbeitenden.

Vernetzt im Verbund und getragen von Vertrauen

Sehr wertvoll ist für André auch der regelmäßige Austausch mit den anderen Hospizen in unserem Gesundheitsverbund sowie die Leitungskonferenzen. „Ich kann viel mitgestalten und genieße das Vertrauen der Hospizleitung.“

Tiere als stille Trostspender

Im Anhalt-Hospiz Zerbst leben auch Tiere – mit durchweg positiven Erfahrungen. Laufenten gehören ebenso dazu wie Katze Lotti. Lotti, erzählt André, spürt sehr genau, wann Nähe gefragt ist – und wann nicht. Sie liegt oft ruhig bei den Gästen, schenkt Trost, ganz ohne Worte. „Meine größte Sorge war, dass sie etwas kaputt macht, aber das ist nicht der Fall. Sie bereichert unser Haus.“

Tiere, so zeigt sich hier, können oft das schenken, was Worte nicht mehr vermögen.

Blick ins kommende Jahr

Für das nächste Jahr hat André klare Wünsche:

  • noch stärker zusammenwachsende Teamstrukturen
  • Stabilität in der Öffentlichkeitsarbeit und im Spendenaufkommen
  • das bewusste Pflegen der gemeinsamen Rituale

„Ich wünsche mir, dass wir weiterhin so vertrauensvoll zusammenarbeiten und dass wir unseren Gästen auch künftig das schenken können, was sie am meisten brauchen: Zeit, Nähe und Würde.“

(Das Interview wurde im Dezember 2025 geführt.)

Hier arbeiten unsere Pflegefachkräfte in den Hospizen (w/m/d)